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Die Lebenserinnerungen der Rosalie Hübner

Die Lebenserinnerungen der Rosalie Hübner

an ihre Kindheit und Jugend in Arnstadt im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts

Briefe, Tagebücher und Lebenserinnerungen sind selten überliefert. Umso bemerkenswerter sind "Die Lebenserinnerungen der Rosalie Hübner, geb. Richter (1805-1881)".

Hardcover, Fadenheftung, Leseband, 208 Seiten, 24 Abbildungen ISBN 978-3-934277-35-9

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Preis: 14.80 €
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Rosalie Hübners handschriftliche Lebenserinnerungen stellen eine einzigartige Quelle zur Familien-, Kultur- und Sozialgeschichte Arnstadts im frühen 19. Jahrhundert dar.

Sie beschrieb neben den Mitgliedern ihrer Familie und familiären Ereignissen auch das gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Leben Arnstadts und seiner Bewohner. Von kulturgeschichtlichem Interesse sind die Schilderungen von Sitten, Bräuchen und Aberglauben.

"Eine glückliche Zeit für uns war das Weihnachtsfest. Mein guter Vater, der immer so sehr besorgt war uns Freude zu machen, war es auch hierbei. Vorher war er immer sehr geheimnißvoll. So großartig, wie jetzt in vielen Familien, waren damals die Bescheerungen nicht, aber wir Kinder waren selig dabei. Auf der weißgedeckten langen Tafel lagen für Jedes ein Kleidungsstück, u. eine große Pfefferscheibe in Gestalt einer Nonne, oder einer Frau mit dem Spinnrad. In der Mitte der Tafel prangte der große Christbaum, mit keinem andern Schmuck, als vielen Lichtern, u. von der Mutter selbst gebacknem Zuckerzeug, Pferden, Fischen, Herzen, Sterne, u. dgl. Spielzeug bekamen wir nicht. Jedes von uns hatte ein Puppenbett, (das meinige war sogar ein Himmelbett, oben darauf mit einer goldnen Krone), u. ein Töpfenbretchen mit Zinngeschirr. Einige Male bekamen wir von Fremden ein Spielzeug. Ich z.B. von meinem Onkel in Waltershausen eine sehr schöne Puppe, eine Brotteroder Braut vorstellend, die wurde aber nur zum Ansehen in den Glasschrank in der Gastkammer gestellt. Meine einzige Puppe hatte ein ehemaliges Dienstmädchen von uns, eine arme Schustersfrau, Frahnert, aus alter Leinwand gefertigt. Sie war so groß, daß sie zur Kleidung Hemdchen, Mützchen u. Kleidchen von meinem Bruder bekam, u. ist dieser Anzug auch nie erneuert worden. Als ich im 8 ten Jahre die Masern gehabt, habe ich die Puppe Tag u. Nacht mit im Bett gehabt."

Aus ihrer Feder stammt auch die Darstellung der letzten Hinrichtung in Arnstadt am 4. Oktober 1811. Ein Schwerpunkt der Lebenserinnerungen liegt auf der Beschreibung von Verwandten, Bekannten, Freunden und Persönlichkeiten aus ihrem Umfeld. Bei der Beschreibung und Charakterisierung der Personen geizt sie weder mit lobenden noch mit tadelnden Worten. Auch mit Kuriositäten, die einer gewissen Dramatik nicht entbehren, spart sie nicht. Als Zeitzeugin beschreibt sie eindrucksvoll die Zustände und Einquartierungen zur Zeit des Napoleonischen Krieges: "Den 3 ten Tag wurde ich in das Schloß geführt, wo ich von einer Gallerie aus den Kaiser Alexander von Rußland auf einen Schimmel steigen sah. Es war ein schlanker, schöner Mann mit einem Lockenkopf. In dieser Zeit brachte mein Onkel in der Nacht meine Großmutter und meine zukünftigen Pflegeschwestern zu uns; kurz darauf kam auch die Großtante Schönebeck, geführt von ihrer Aufwärterin, welche uns wieder verließ, um eine große Truhe zu holen, die alle ihre Habseligkeiten enthielt, mit der Bitte: mein Vater solle sie im Archiv aufbewahren. Meine arme Großmutter, welche seit vielen Jahren ihre Wohnung nicht verlassen hatte, war zu diesem Schritt genöthigt, weil für sie kein Platz war. Alle Räume, sogar Treppe u. Gänge lagen voll Soldaten, sogar im Keller. Mein Onkel sorgte mit Wirthschafterin u. Mädchen soviel als möglich für die Bewirthung. Mit Tagesanbrug war er mit dem Mädchen zum Fleischer gegangen u. hatte einen Tragkorb voll Fleisch geholt, das vor Andrang der Käufer kaum zu erlangen war. Für uns Kinder waren das sehr fröhliche Tage, nicht nur mit meinen Cousinen den ganzen Tag zusammen zu sein, sondern auch des Nachts zusammen zu schlafen. Meine Großmutter hatte fast immer Einquartierung. Vor u. nach der Schlacht bei Leipzig waren es immer Russen. Mein Onkel hatte 2 griechische Heiligenbilder in der Stube aufhängen lassen, worüber die Russen ihre lebhafte Freude äußerten. Gleich nach ihrer Ankunft mußte das Essen für sie bereit stehen, mit viel Zwiebeln. Nach dem Essen mußte die Wirthschafterin u. das Dienstmädchen mit ihnen tanzen, wenn es auch Mitternacht war. Die Wirthschafterin, ein ganz junges, gebildetes Mädchen fand durch diese fortwährende Aufregung ihren Tod durch heftiges Nervenfieber. Wir Kinder hatten sie sehr lieb gehabt u. wollten sie gern noch einmal als Leiche sehen. Das mußte von der Straße aus geschehen, wir mußten auf einen kleinen Tisch treten u. durch die Fenster sehen, weil man die Ansteckung fürchtete."

Selbst mit dem Dichter Ludwig Bechstein machte sie Bekanntschaft: "Dichter Bechstein, der damals in der Marktapotheke Provisor war, sich aber in diesem Fach sehr unglücklich fühlte, hatte eine große Zuneigung zu meinem Vater gefaßt, er besuchte ihn zuweilen u. trug ihm seine Gedichte vor. Er behandelte mich immer mit einer ganz besondern Aufmerksamkeit. Er war ein sehr schlechter Tänzer, aber er unterhielt mich sehr geistreich, so daß ich doch sehr gern mit ihm tanzte, wenn er nicht zu oft kam. Noch dazu war es ein Jugendfreund meines Cousin Heinrich. Seine geheimnißvolle Kindheit intressirte mich, er hatte nur Vermuthungen wem er angehörte, u. das machte ihn so unglücklich."

Rosalie Hübner schrieb die Aufzeichnungen aus ihrem Leben auf Wunsch ihrer Kinder auf. Die Lebenserinnerungen befinden sich in Familienbesitz, wurden glücklicherweise aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben.

Die von Andrea Kirchschlager herausgegebene und kommentierte Neuausgabe wurde auf 500 Exemplare limitiert (Hardcover, Fadenheftung, zahlreiche Abbildungen, 208 Seiten).