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Der Crako Band 2

Der Crako Band 2

Das zweite Abenteuer des Crako - Criminalkommissarius seiner Majestät des Königs von Preußen, anno 1731!

Michael Kirchschlager, Festa-Verlag 2006
192 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-86552-053-1

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Der Crako und sein unvergleichlicher Adjutant Kosemaul werden nach Damaskus gesandt, um den äußerst bizarren Tod des Barons von Helffersdorf aufzuklären – der Diplomat soll durch den Biss eines sogenannten Giftmädchens gestorben sein. Im Herzen Syriens stoßen die beiden Preußen auf alte, grausame Legenden, werden in teuflische Verschwörungen verwickelt und geraten in den Bann reizender, aber auch gefährlicher Frauen. Was wie ein Reiseabenteuer beginnt, entwickelt sich immer mehr zum höchst politischen Kriminalfall und wird für den Crako zur lebensgefährlichen Herausforderung.

Leseprobe

Der Crako und das Giftmädchen (unlektorierte Version!)

Prolog

Um der Enge und dem Gestank Damaschs* zu entfliehen, hatte Baron von Helffersdorf das Angebot seines türkischen Freundes Ali ibn Mohammed angenommen und war in ein stattliches und bequem eingerichtetes Haus außerhalb der Stadt unterhalb des Dschabal Qasiun gezogen. Dabei stank es hier nicht ärger als in einer vergleichbaren europäischen Stadt, aber mehr noch als die übel riechenden Straßen, stießen ihn deren Bewohner und die hier herrschenden Sitten ab.

Das Haus war eher ein Palast, ein langgestrecktes, einflügeliges, aus weißem Kalkstein aufgeführtes Gebäude mit zahlreichen kühlen Zimmern, Kammern und Nischen. Der Palast wurde bevölkert von einer Heerschar Dienerinnen und Dienern, die dem deutschen Baron das Leben hier versüßen und so angenehm wie möglich gestalten sollten. Zwei Dutzend Janitscharen patrouillierten ständig innerhalb und außerhalb der steinernen Mauer und sorgten dafür, dass ihm niemand zu nahe kam, noch jemand von seinen Unternehmungen etwas erfuhr. Letzteres war nicht wenig dem Umstand zu schulden, dass sein türkischer Freund Ali ibn Mohammed, der Janitscharenaga und Festungskommandant von Damaskus höchstpersönlich war.

Von Zeit zu Zeit ließen sich hochrangige Beamte aus Kairo, Haleb und Damaskus bei ihm sehen und die ganzen Heimlichkeiten, die dabei gepflogen wurden, hätten einen scharfsinnigen Beobachter schlussfolgern lassen, dass hier streng geheime Staatsangelegenheiten besprochen wurden. Offiziell war König Friedrich Wilhelm von Preußen, in dessen Diensten der Baron stand, ein neutraler Herrscher. Man führte keine Geheimverhandlungen oder schloss gar Kriegsbündnisse mit dem türkischen Sultan und dennoch sollte niemand von den Gesprächen im Haus des Barons etwas erfahren. Zu groß war die Gefahr, Frankreich, Österreich, Russland oder sonst eine fremde Macht auf den Plan zu rufen.

Insgeheim hatte ihn Generalmajor von Schwerin nach Damaskus gesandt, um alle möglichen Informationen zu sammeln und, wie hatte es der General ausgedrückt - „Eventualitäten vorzubereiten“. Der Baron hatte, um eben die Beziehungen zu führenden Köpfen des türkischen Reiches in Ägypten und speziell in Syrien in einem gewissen Grade freundschaftlich zu gestalten, reichlich Bares in seinen Kisten und monatlich kamen nicht unbedeutende Summen aus Potsdam hinzu.

Der preußische Gesandte fragte nicht nach dem Verbleib des Geldes. Er wollte auch gar nicht wissen, in welchen dunklen Kanälen die preußischen Goldtaler verschwanden. Ihm reichten Dankesschreiben höchster Würdenträger, Zusagen im „Falle des Falles“ (selbst wenn der Baron die Türken für ein unzuverlässiges Pack hielt) oder diverse Gegengeschenke, die aus kostbaren Sachen bestehen konnten, wie eine Tabaksdose aus geschnitztem Elefantenbein, eine goldene Wasserpfeife oder eine ganze Herde Kamele. Kurzum, die Aufgabe des Barons bestand darin, sich die Freundschaft oder zumindest die Neutralität der Türken zu erkaufen, ihre Minister zu bestechen, selbst wenn einige von denen aus ihren Ämtern schieden und das manchmal mittels der seidenen Schnur.

Die Goldene Pforte, vor dem großen Krieg einst ein gefürchteter Feind, ging auf Krücken. Alles war desolat: Staatsfinanzen, Wirtschaft, Militär. Korruption wohin man schaute und zu allem Überfluss erhoben sich auch noch die Janitscharen und nicht nur die. Überall bildeten sich Gruppen von Aufrührern, besonders in Ägypten und Syrien, wo man nach Unabhängigkeit strebte. Nirgendwo waren die Türken verhasster als hier in Arabien, selbst auf dem Balkan nicht.

Baron von Helffersdorf saß an diesem Abend wie so oft in seinem großzügig eingerichteten Salon. Er hatte sich extra einen bequemen, mit Rindsleder überzogenen Stuhl von einem hiesigen Tischler fertigen lassen, weil er beim Rauchen des Tabaks nicht unbedingt in Kissen liegen wollte. Ansonsten hatte sich der Preuße an das Leben im Orient gewöhnt. In den ersten Wochen seines Aufenthaltes in diesen heißen Gefilden wollte er sich partout nicht von seinen Kleidern noch von seiner Perücke oder den eng anliegenden Strümpfen trennen, dann jedoch musste er feststellen, dass es viel bequemer war, sich der hiesigen Mode anzupassen. Seine europäische Kleidung war obendrein seinen Handlungen nur hinderlich, konnte man an ihnen doch nur zu schnell seine Herkunft erkennen. Nur den Spazierstock, den ihm der König höchstpersönlich geschenkt hatte, legte er nicht ab, sondern hielt ihn in Ehren und führte ihn auf Schritt und Tritt mit sich. Auch die Küche, die ihm anfänglich schwer zu schaffen machte und die ihm mehr als einmal den Wanst auftrieb wie eine Wassermelone, mundete ihm jetzt. Nur das über offenem Feuer gebratene und ungesalzene Hammelfleisch und die zahlreichen süß-sauren Linsengerichte verschmähte er immer noch.

Der Baron war ein starker Raucher und nichts konnte ihm die gute Laune mehr vergällen, als Gäste, die ihm eine gute Pfeife abschlugen und dann womöglich noch mit den Händen den Qualm vertrieben. Hierin ähnelte er stark dem König. Gerade als er sich von einem Diener eine neue Tabakspfeife bringen lassen wollte, klopfte sein Leiblakai an die Tür.

„Ja, was gibt es?“, fragte er ihn in barschem Deutsch.

Die Araber und besonders deren Kinder lernen schnell fremde Sprachen, was die Sache für den Baron vereinfachte. So hielt er sich ohne nennenswerte Probleme eine Dienerschaft, die seiner Sprache, und noch dazu einer nicht einfachen, mächtig war. Außerdem gab es unzählige Dolmetscher, die ihre Dienste anboten und unter denen schon einmal ein vertrauenswürdiger Kerl sein konnte.

„Verzeiht, Baron, Exzellenz“ antworte der Lakai in gebrochenem Deutsch, „die Mädchen ist da.“

„Ah“ schnalzte der Baron, „gut. Sie soll hereinkommen.“

Der Lakai schob ein in türkiser Seide verhülltes Mädchen in den Raum.

„Wir sie durchsucht, Exzellenz, Baron. Alles in Ordnung. Sie hat nichts.“

Wenn der Lakai sagte, dass sie sie durchsucht hätten, dann meinte er eine ziemlich unkeusche Leibesvisitation, denn nichts fürchtete der Baron oder vielmehr seine türkischen Freunde mehr als Attentäter oder gar Attentäterinnen. Bei diesen Leibesvisitationen mussten sich die Mädchen in beschämender Weise splitternackt vor dem Adjutanten von Zarrentin, dem dies ebenso peinlich war, einer Gruppe Janitscharen und dem Leiblakaien entblößen, was nicht ohne zotige Bemerkungen und Ehrverletzungen für die Mädchen abging. Aber sie hielten still, denn der häßliche Mann aus dem fernen Königreich bezahlte sie fürstlich.

„Sie nicht sprechen, weil Zunge ausgeschnitten, Exzellenz.“

Der Baron zog die Augenbrauen zusammen.

„Er bringt mir eine…“

„Nein, nein, Herr, sie unschuldig.“ Fuhr er schnell dazwischen, sich mit einer unterwürfigen Verbeugung entschuldigend, dass er seinen Herren unterbrochen hatte. „Ein Versehen. Kommt vor.“ Der Lakai setzte eine betretene Miene auf und hob die Schultern. Dann schob er das Mädchen dicht vor den Baron, so dass dieser ihre schwarzen Augen und ihren nackten Körper unter der Seide schimmern sehen konnte.

„Sie die Schönste und sehr gut, sagte mir ihre Herren!“

„Hm.“ Raunte der Baron.

„Wie heißt sie?“

„Sie nannten sie Sari.“

„Geh jetzt und laß mich in Ruhe für den Rest des Abends und der Nacht. Ich frühstücke morgen gegen neun.“

„Sehr wohl, Herr Exzellenz.“ Erwiderte der Lakai, verbeugte sich und ging.

Baron von Helffersdorf musterte die verhüllte Schöne. Sein Leiblakai besorgte die Mädchen über eine recht zweifelhafte Kaschemme in einem noch recht zweifelhafteren Stadtviertel, die zwei Ägypter führten. Mehr wusste er nicht, mehr wollte er auch nicht wissen. Lediglich sauber und ohne Krankheiten sollten sie sein, weshalb es ihm am liebsten nach jungen, zarten Mädchen gelüstete.

„Versteht sie mich?“

Das Mädchen nickte scheu.

„Ist sie bereit?“

Jetzt nickte sie wieder.

„Gut. Reich sie mir die Tabakspfeife dort und zünde sie mir an.“

Der Baron ließ sich auf seinen Stuhl nieder, streckte die Beine von sich und beobachtete das Mädchen ganz genau. Er liebte es, wenn sie jung an Jahren, nicht so fett, wie die meisten arabischen Frauen und wenn sie von angenehmer, körperlicher Bräune waren. Die meisten Mädchen kamen sehr gern zu ihm, denn er beschenkte sie reichlich. Seinen Lieblingshuren vermachte er teure Geschenke und nicht wenige Piaster verschwanden auf diesen Wegen in den Gassen von Damasch. Zwar war seine Art ein wenig fremd und sein Äußeres nicht so attraktiv, aber für einen Mann Ende Fünfzig war er noch gut beisammen. Ansonsten muss man seine Physiognomie als hager, sehnig und zäh beschreiben. Seine Gesichtsfarbe war weiß, was von dem vielen pudern herrührte. Sie erschreckte so manches Mädchen, denn die armen Dinger glaubten, den leibhaftigen Tod vor sich zu sehen.

Die Mädchen ließ er sich, wie bereits gesagt, von seinem Leiblakaien zubringen, der um den Geschmack des Barons wusste und sich redliche Mühe gab, dessen Wünsche oder sagen wir besser, dessen spezielle Neigungen zu befriedigen.

An diesem Abend war es das erste Mal, dass er ihm ein stummes Mädchen zuführte, vielleicht sogar eine ganz gemeine Verbrecherin, aber der Baron vertraute seinem Lakaien und da er, der Baron, die Art der Rechtsprechung hier kannte, glaubte er ihm sogar, dass man einem Mädchen „versehentlich“ die Zunge herausgeschnitten hatte.

Schade eigentlich, dachte er und zog an der Tabakspfeife, die ihm das Mädchen gerade reichte. Sie trat zurück und blieb wie angewurzelt stehen.

„Zieh sie sich aus“ sagte der Baron, „aber langsam.“

Er nahm seinen Spazierstock, der an dem Stuhl angelehnt stand, zwischen seine Beine und umfasste ihn mit beiden Händen, sich dabei stützend. Das Mädchen hob den Schleier und ließ langsam die seidenen Hüllen fallen. Der Baron sah erregt zu.

„Knie sie sich hin.“ Willfährig gehorchte das Objekt seiner Begierde.

„Jetzt stütze sie sich auf ihre Arme!“

Der Baron erhob sich und ging bedächtig um das anmutige Geschöpf herum, dabei seinen Spazierstock mit beiden Händen auf dem Rücken haltend. Mit seinen Augen verschlang er gierig sein neues Opfer. Wollüstig ging sein Blick über den Körper des stummen Mädchens.

Trotz des Tabakqualms, den er bedächtig zur Decke blies, waren seine Geruchssinne ganz auf das Mädchen fixiert, denn nichts liebte er mehr, als sie zu riechen. Und tatsächlich, Sari strömte einen Duft aus, als hätte man sie wochen-, ja monatelang in Öl gebadet. Das Mädchen spürte, wie der Baron sich mühte ihren Körperduft aufzunehmen.

Ihre schlanken Finger zitterten. Sie hatte den Kopf gesenkt, so dass ihre dichten schwarzen Haare den Boden berührten. Er sah ihr zwischen die Beine und was er dort erblickte, ließ ihn lustvoll stöhnen. Er glaubte, einen Tropfen jener so heiß von Männern begehrten Feuchtigkeit an der Innenseite Ihres Schenkels hinablaufen zu sehen. Im Mund des Barons sammelte sich Flüssigkeit.

Erneut weitete er seine Nüstern. Der köstliche, mit nichts zu beschreibende erotisierende Duft, der ihm von dem Mädchen emporströmte, ließ ihn beben und brachte seinen Körper in Konvulsionen.

„Dreh sie sich um zu mir!“ befahl er mit einem Zittern in der alten Stimme.

Das Mädchen gehorchte und gerade wie sie zu ihm aufblickte, hatte der Baron seine Kleider gehoben und stand halb entblößt und in erigiertem Zustand vor ihr.

Das Mädchen verstand die Geste und öffnete langsam den Mund.

„Ja, komm näher!“ stöhnte der Baron und noch ehe er begriff wie ihm geschah, hatte ihn das Mädchen mit zarten aber dennoch festen Händen ergriffen. Ihre Lippen umschlossen ihn. Der Baron neigte sich leicht vornüber und strich dem Mädchen durchs Haar. Voller Wollust stöhnte er erneut, nun seinen Kopf nach hinten werfend.

Er hatte seine Berufung nach Damaskus anfänglich für eine Art Strafversetzung gehalten, denn es war keine große Kunst, diese korrupten Beamten zu bestechen und diesen aufgeblähten Apparat zu unterlaufen, mit der Zeit hatte er sich jedoch an all die Vorzüge, die der Orient oder genauer gesagt Felix Arabia, zu bieten hatten, schnell gewöhnt. Er nannte hier einige Leute seine Freunde, wenn es auch keine richtigen, herzlichen Freunde waren, aber die hatte er in Preußen auch nicht. Hier, in diesem schönen Landstrich, konnte er aber seinen ungezügelten Leidenschaften frönen und selbst Alkohol, vornehmlich französischen Wein und Absinth, den Muslimen streng verboten, beschaffte man ihm in ausreichenden Mengen.

Ein leichter Stich ließ ihn zusammenzucken. War es schon soweit?

„Nicht so doll“ keuchte er. Das Mädchen hielt inne. Der Baron sah zu ihr hinunter, doch anstatt roter Lippen gewahrte er etwas Braunes, Unheimliches in ihrem Mund. Zwei kleine, runde Augen starrten ihn aus ihrer Mundhöhle an. Dann ein neuer Stich, ein Biss.

„Was macht sie da?“ fragte er. Das Mädchen hielt etwas in ihrer Hand, was er nicht genau erkennen konnte, denn urplötzlich begannen seine Augen zu verschwimmen. Der Baron stieß sie von sich taumelte durchs Zimmer. Ein brennender Schmerz schnürte ihm den Hals zu. Er keuchte nach Luft. Sein Gemächt schmerzte ebenfalls und schwoll blau an.

„Was hat sie gemacht, Hure?“ presste er mit einem absterbendem Röcheln hervor. Das Mädchen erhob sich und trat einige Schritte zurück. Sie hob ihr Gewand vom Boden auf und zog sich langsam an, dabei den Baron keinen Augenblick aus den Augen lassend.

Dieser wurde von einem Krampf erfasst, den binnen kürzester Zeit sein gesamter Körper befiel. Seine Hände begannen zu zittern, Speichel lief ihm aus dem Mund, sehr viel Speichel. Ehe er begriff, was hier vonstatten ging, war er unter übergroßen Schmerzen zusammengebrochen. In seinem Leib begann es sich zu verhärten, seine Augen traten weit heraus, die Augenlider hingen herunter wie Lappen. Er versuchte den Rittmeister von Zarrentin zu rufen, doch seine Stimme versagte ihm. Er hoffte, sein Leiblakai würde unverhofft eintreten, doch es half alles nichts mehr. Er war am Ersticken.

Voller Bestürzung und in Todesangst sah er das Mädchen an, fragend, warum. Doch Sari würdigte ihn nur mit verächtlichen Blicken. Er sah noch, wie sie etwas Längliches, Braunes vorsichtig zurück in ihren Mund schob. Dann erbrach er sich erneut und starb unter furchtbaren Zuckungen.